50-Seiten-Kritik: Das Leben ist keine Waldorfschule
Über andere lacht man doch gerne. Vor allem über die kleinen und großen Stolpersteine, Pannen und skurrilen Begebenheiten, die ein anderer überstanden hat. Beim Lesen fühlt man sich plötzlich in guter Gesellschaft. Das Buch “Das Leben ist keine Waldorfschule” ist ein Kumpel im Kampf durch den Alltag. Deichhelden hat 50-Seiten gelesen und die Freundschaft getestet.

Wer dieses Buch liest, hat schlagartig bessere Laune.
Die erste Überschrift: “Vorhautverengung”. Da bedarf es schon einer ausgeprägten Depression, um nicht wenigstens neugierig die nächsten Zeilen zu überfliegen. Schon ist man vom rasanten Erzähltempo mitgerissen. Mitten hinein in das chaotische Leben des Ich-Erzählers, der sich auf den “Jakobsweg des Lendenschmerzes” begibt und von der Entfernung seiner Vorhaut berichtet. Gekonnte Wortakrobatik und kreativer Sprachwitz lassen das Leiden zu einem Vergnügen werden.
“Es war die gefühlte schiefgegangene Geschlechtsumwandlung, Beethovens Neunte in Schmerzform, genau so mussten sich Elefanten nach dem Entfernen ihrer Stoßzähne fühlen, ich war mir sicher meine Vorhaut zierte genau in diesem Augenblick das Büro des Arztes und hing als Trophäe genau neben dem Hirschgeweih.”
Dass Autor Mischa-Sarim Vérollet normalerweise als Slam Poet durch Deutschland tourt, hört man in jeder Zeile. In den Geschichten zündet er ein Feuerwerk an Gags und englischem Humor. 50 Seiten habe ich noch nie schneller gelesen. Der Erzähler stellt sich unverzagt den Katastrophen seiner Jugend. Zwei überdimensionale Warzen auf den Nasenflügeln machten das Leben und die Annäherung ans andere Geschlecht schwer – meine Kindheit war doch nicht so schlimm, wie ich sie in Erinnerung hatte. Zumindest fühlte ich mich mit meinen Pannen plötzlich in guter Gesellschaft.
Mischa-Sarim Vérollet wurde 1981 auf Gibraltar geboren. Mittlerweile lebt er in Bielefeld. Wenn er nicht gerade als Slam Poet durch Deutschland tourt,
arbeitet er als Mediengestalter in einer Werbeagentur.
Mischa-Sarim Vérollet hat für seine Poetry-Slam-Performances diverse Preise gewonnen.
In Buchform ist von ihm außerdem erschienen: “Lass uns doch Feinde sein”.
Sogar ein Festivalbesuch ist für Vérollet nicht nur ein Festivalbesuch, sondern Schauplatz eines kosmischen Sexerlebnisses zwischen Helgaa-Rufen und Diddl-Mäusen. Der Erzähler verbringt eine Nacht mit der esoterischen Galaktika, wird am nächsten Morgen vom deren “irdischem Partner” geweckt, der ihm sanft den Schritt tätschelt und ein Frühstück zu viert vorschlägt – denn auch er hatte eine äußerst befriedigende Nacht verbracht. Herrlich absurd. Spätestens jetzt liegt auch der letzte Leser hemmungslos lachend auf seiner Couch.
“Das Leben ist keine Waldorfschule”, aber immer für eine unterhaltsame Kurzgeschichte gut. Das beweist Mischa-Sarim Vérollet allen Skeptikern und Griesgramen. Seine Geschichten sind die besten Seelentröster, wenn das Leben mal wieder richtig gemein war. Und deshalb die Wertung:
Autor: Mischa-Sarim Vérollet
Titel: Das Leben ist keine Waldorfschule
Verlag: Carlsen Verlag
Erschienen: 2009
Seiten: 160
Preis: 12,90 Euro
ISBN: 978-3551682147
Mischa-Sarim Vérollet performt “Helgaaa!” aus “Das Leben ist keine Waldorfschule”:
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