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Folge dem weißen Kaninchen


Folge dem weißen Kaninchen! Aber wohin? In eine kindliche Fantasiewelt? Eine Allegorie übers Erwachsenwerden? Ins Drogen-Nirvana? Nur wenige literarische Vorlagen sind so vielschichtig deutbar wie „Alice im Wunderland“. Ein perfekter Stoff für Regisseur Tim Burton, den Großmeister des Verschrobenen. Von Rainer Donsbach


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Und für seinen Star Johnny Depp, natürlich. Der spielt den Hutmacher (im Original „The Mad Hatter“) so „mad“ und berückend exzentrisch, als wäre er gerade mit Jack Sparrow durch die Kneipen gezogen. Inklusive nachtvioletter Augenringe und eines schweren Lispels, der dem von Natalie Imbruglia an Liebreiz in nichts nachsteht.

Die 25. Verfilmung des berühmten Kinderbuchs setzt im zweiten Teil („Trough the looking glass“) ein, als die schon 19 Jahre alte Alice noch einmal ins Wunderland zurückkehrt. Dort führt sich die rote Königin inzwischen ganz entsetzlich auf. „Ich liebe Hinrichtungen am Morgen“, ist eines ihrer Bonmots, oder „Kopf ab“ in einem Ton, in dem sich andere noch ein Stückchen Torte bestellen.

Als Golfschläger benutzt „die miese Breitrübe“, wie die anderen sie heimlich nennen, einen umgekehrten Flamingo, als Ball einen rundgefesselten Igel. Die Tischplatten werden von Affen in Pagenkostümen getragen, und als Hocker für die kalten Füße muss „ein Schwein, aber dalli“ herangeschafft werden.

Nach der Wahrsagung ist Alice die einzige, die Wonderland von ihr und dem Drachen Jabberwocky befreien kann. Womit die Drogenmetaphern ins Spiel kommen, die in der Popkultur so tiefe Spuren hinterlassen haben. Der Trank, der sie schrumpfen und der Kuchen, der sie wieder wachsen lässt, haben eine Entsprechung in der roten und der blauen Pille in „Matrix“. Nicht das einzige Motiv, übrigens, dass die Wachowski-Brüder dem Kinderbuchklassiker entlehnt haben.

Fragwürdige Cocktails

Was haben wir noch? Die kiffende Raupe Absolum, die etliche schluffige Hippiebands inspiriert haben dürfte, die Haselmaus, die wie auf Speed durch den Film brettert. Sprechende Blumen, halluzigene Pilze, fragwürdige Cocktails, in die Urin von der Pferdefliege und drei Münzen aus der Tasche eines Toten gehören. Und zwei Ritterheere, die aus Schachfiguren und aus Spielkarten bestehen und sich am Schluss lieber liebhaben als bekriegen möchten.

Vor allem aber wird die Macht der Fantasie beschworen, zumal auf Alice in der „wirklichen“ Welt nur eine steife viktorianische Gartenparty und ein überspannter Loser warten, mit dem sie sich verloben soll. Wer sich jemals vor dem Einschlafen gefragt hat, ob das, was gleich im Traum passiert womöglich das richtige Leben ist, und das, was man für die Realität hält nur ein Traum, wäre für Alice schon mal korrekt auf Sender.

„Ich glaube schon vor dem Frühstück an sechs unmögliche Dinge“, sagt die Titelheldin, die mit ihrem elfenbeinfarbenen Teint, den leicht übernächtigten Augen und den ringellockigen Haaren direkt einem Gemälde der Präraffaeliten entstiegen sein könnte.

„Bin ich nicht mehr von Sinnen“, fragte sie bang ihren Vater. Wohl wahr, meint der. „Aber ich verrate dir was: Das macht die Besten aus.“ Wovon Tim Burton sich persönlich angesprochen fühlen darf.

„Alice im Wunderland“

Regie: Tim Burton

Kino: Cinemotion, 15, 17.30 und 20 Uhr, heute auch 22.45 Uhr

Freigegeben: ab 12 Jahre

Note: 2

Artikel vom 10.03.10 - 16:11 Uhr
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